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B u c  h - R e z e n s i o n  z u:

Dr. Sahra Wagenknecht

„Die Selbstgerechten. Mein Gegenprogramm – für Gemeinsinn und Zusammenhalt.“

Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2021.


Klappentext:

„Urban, divers, kosmopolitisch, individualistisch - links ist für viele heute vor allem eine Lifestylefrage. Politische Konzepte für sozialen Zusammenhalt bleiben auf der Strecke, genauso wie schlecht verdienende Frauen, arme Zuwandererkinder, ausgebeutete Leiharbeiter und große Teile der Mittelschicht. Ob in den USA oder Europa: Wer sich auf Gendersternchen konzentriert statt auf Chancengerechtigkeit und dabei Kultur und Zusammengehörigkeitsgefühl der Bevölkerungsmehrheit vernachlässigt, arbeitet der politischen Rechten in die Hände. Sahra Wagenknecht zeichnet in ihrem Buch eine Alternative zu einem Linksliberalismus, der sich progressiv wähnt, aber die Gesellschaft weiter spaltet, weil er sich nur für das eigene Milieu interessiert und Diskriminierung aufgrund sozialer Herkunft ignoriert. Sie entwickelt ein Programm, mit dem linke Politik wieder mehrheitsfähig werden kann. Gemeinsam statt egoistisch."

Der Erfolg der echten, nämlich volksverbundenen Linken und der gesellschaftliche Zusammenhalt, also das Zurückstellen aller politischen, weltanschaulichen Differenzen fürs gemeinsinnige Einstehen inmitten ungemütlicher kapitalistischer Lebensumstände hat es der Linken-Frau angetan.

Es fällt schon die Merkwürdigkeit auf, dass sie ihrer eigenen Partei oder jedenfalls Teilen von denen die Verabschiedung vom sonst Programmatischen des Polit-Vereins vorwirft: das Kümmern um die sozialen Miseren der Unterprivilegierten. Als ob nicht Programm und parlamentarische Praxis der Linken von dem Gegenteil künden. Also ist es anders und viel prinzipieller gemeint, wenn sie Linke als Lifestyle-Linke oder Linksliberale beschimpft: das geht sogar soweit, nämlich die politischen Tatsachen ins Unkenntliche machende, dass die für W. falsche Linke Parteigänger des gutsituierten Milieus wäre, letztere also nicht einfach bloß als Wahlbürger ansprächen, die ihre Linie des sozialen Besserungstums in Bezug auf die Untergebutterten der sozialen Marktwirtschaft teilen sollen. Vor allem würden die falschen Fünfziger unter den Linken, statt die sozialen Fragen zum Thema zu machen, „Identitätspolitik“ betreiben, ihren Tugenden des „nachhaltigen Lebensstils“ frönen, die sie sich sowieso nur dank ihrer privilegierten materiellen Stellung leisten können – das einfache Volk eben gerade nicht, auf das die Gutsituierten verächtlich blicken täten, ihm vorschreiben wollten, wie sie zu leben, zu sprechen und zu essen hätten. Nun mag manchen Linken das Vorleben dessen, wie Veränderung auch persönlich ginge, umtreiben – aber dass dieses anstelle des Ausfechtens der sozialen Fragen der Zeit treten würde, ist doch sehr gewagte These. Andererseits reibt sie sich auch an Bewegungen mit speziellem Gegenstand wie Klima oder umweltgerechte Ernährung, die es nicht mit „sozialer Gerechtigkeit“ hätten, Klimabewegte Konsumverzicht predigen würden statt auf Veränderung der gesellschaftlichen/Produktionsstrukturen zu dringen (als ob letztere nicht gleichzeitig unter Fortbestand der Ausbeutungsverhältnisse fürs Kapital klimafreundlichere Produktionsverfahren vorhaben). Nicht nur outet sich W. als billige Hetzerin, die Goodwill-Touren der von ihr Kritisierten mit dem Verweis auf deren Status als Bessergestellte ins schlechte Licht rückt, also gezielt daran vorbeigeht an den politischen Gehalt von deren Anliegen, gar nicht erst den Fehler benennt, die Härten und Gemeinheiten des Kapitalismus auf eine Frage des guten Willens herunterzubrechen, denselben irgendwie geartete Läuterungsfähigkeit verharmlosend bescheinigt wird, indem man mit Veränderungen, die nichts angreifen an den kapitalistischen Gemeinheiten, am besten gleich bei sich beginnt – und vor allem würden Lifestyle-Linke in ihren Wohlfühlblasen zugleich der schweigenden minderbemittelten Mehrheit angeblich „aggressiv“ ihre Identität aufdrücken wollen, dabei vor moralischen Diffamierungen nicht zurückschreckten. Dass dies alles Zeugnis davon sei, wie solches Linkssein den Spaltpilz fördere, W. dagegen die einziger Verbürgerin für die existenziellen Nöte der Werktätigen sei, diesbezüglich sei vor dem Missverständnis gewarnt, hier sei eine taffe Retterin der Verfolgung der Anliegen armer Arbeiter unterwegs: das in Form von moralischer Anmache bis Denunziation Vorgetragene, nämlich ohne die Stellung eines Lifestyle-Linken selbst eines Fehlers zu überführen, zielt im Grunde darauf, sich die Anwanzere ans verkehrte bis nationalistische Bewusstsein der Unterprivilegierten durch Zurücknehmen des eigenen identitären Getues angelegen sein zu lassen, wofür an zwei Punkten nachfolgend der Beweis geliefert wird:

So geht nämlich links: existenzielle Bedürfnisse der einfachen Menschen kommen bei Wagenknecht gleich in der Übersetzung dessen, wie die als lohnarbeitendes Konkurrenzsubjekt hierzulande national eingehaust sind und deswegen sich gegen Migranten als Konkurrenten um Arbeitsplätze wenden müssten. Weltoffenheit, Solidarität mit Flüchtlingen, wie sie Lifestyle-Linke vertreten, hätten ausgedient; Verständnis für Arbeiternationalismus ist dagegen angesagt. Dies setzt auf auf den verheerenden Fehler des einfachen Volkes, die mit ihm veranstaltete Konkurrenz durchs Kapital als positives Lebensmittel zurechtzulegen und die staatliche Sortierung nach zuverlässigen heimischen Untertanen und fremder Hoheit Unterstehenden feindlich gegen letztere zu wenden, die ihrer Bewährung im konkurrenzlerischen Gegeneinander, dessen Subjekt die Unternehmerklasse ist, im Wege stünden.

Wie Gemeinsinn so zustande kommt, dass man den nationalistischen Bedürfnissen des hart arbeitenden Volkes gerecht wird, kann man auch studieren an dem absurden Vorwurf von W., Lifestyle- und andere Linke hätten den Aufstieg der Rechten, namentlich der AfD begünstigt:

Der unmittelbare Nonsens davon ist, dass man nicht die Politik eines anderen Vereins dadurch zum Erfolg verhilft, dass man anderes als Programm verfolge. Dass Rechte wie AfD so im Kurs sind, hängt erstmal an der politischen Stellung von deren Adressaten selber, wegen derer die den Rechten auf dem Leim gehen – aber da kommt natürlich gleich die Ungläubigkeit hinterher, wie man sie von Revis kennt, vielmehr Arbeiter zum Nationalismus verführt worden seien: aber nie Gründe wissen wollen, warum der bei der Arbeiterschaft auf fruchtbaren Boden fällt. – Zudem steckt in der Absurdität der linksliberalen Zuarbeit zum Aufsteigen der Rechten, dass die Linksliberalen die Arbeiter nicht dort politisch abholen würden, wo die Rechten diese einfangen könnten – aber natürlich nicht einfach gemeint als Übernahme rechter Positionen durch Linke, weil das entscheidende Unterscheidungsmerkmal sei immer noch, dass Rechte nichts von den existenziellen Belangen der Arbeiter hielten, wo nicht begriffen wird, wie sich bei denen sozial auf national buchstabiert. Das soll dann wohl eben das Zielführende sei, mit dem Kümmern ums Soziale das „Zusammengehörigkeitsgefühl“ pflegen, dass Arbeiter sich sozial geborgen meinen können in den hässlichen Gegensätzen der Verhältnisse von Lohnarbeit, Kapital, Staat und Nation.

 

Wie die Wagenknecht mit ihrer Linkspartei das Feld dafür mit bestellt hat, was die als Lifestyle-Linkssein beschimpft: dass nämlich inmitten kapitalistischen Herrschens und Ausbeutens soziale und sonstige Veränderungen durch persönliches Vorleben derselben gingen:

Die Linke predigt seit ihrer Gründung, dass man sich gar nicht weiter um die Beschaffenheit des Gegensatzes von Lohnarbeit und Kapital scheren müsse, genauso wenig darum, wie darin der Staat als Betreuer und Nutznießer dieses polit-ökonomischen Verhältnisses vorkommt. Die vom Kapitalverhältnis (notwendig) ausgehenden materiellen Schädigungen der lohnabhängigen Massen werden vielmehr hergenommen für ein anti-kommunistisches Programm, wie soziale Besserungen für die arbeitenden Klasse so gingen, dass Arbeiter sich im Kapitalismus als soziale und nationale Heimstatt einrichten könnten. Nicht von ungefähr war ihr Credo, die besseren Sozialdemokraten sein zu wollen. Angesichts dessen, dass für die Linkspartei soziales und ‚menschenwürdiges‘ Dasein für die Lohnabhängigen prima mit dem Fortbestehen des Kapitalismus zusammengehen würde, ist das, was die Wagenknecht als Lifestyle-Linkssein verteufelt, im Grunde nichts als eine Variante dessen: wer weiß wie fundamentale Änderungen gingen so, dass man sie gleich persönlich vorlebt, z.B. der Natur zuliebe sich vegan ernährt. Es wird von Wagenknecht gar nicht der Fehler des Arrangement mit ungemütlichen Verhältnissen benannt, wie man nämlich entgegen diesen als Quelle der Naturversauung die Möglichkeit, der Natur gerecht zu werden, durch sein eigenes Verhalten demonstriert. Und wenn der Staat es fertig bringt, die Geschäftemachereien seines Kapitals gen Dekarbonisierung umzudirigieren, immer verträglich mit deren Profitrechnungen, dann wäre immer noch kein Eitel Sonnenschein: das Kapital als Verursacher von Umwelt-/Klimaschäden hat demgemäß von sich aus gar nicht im Kalkül, das gegen die äußeren Bedingungen rücksichtslose Wirtschaften sein zulassen; es muss schon der Staat her, diesem auf Verordnungswege oder noch besser als alternatives Geschäftsmodell auf die Sprünge zu helfen.

Anti-kapitalistische Agitation ist nicht Sache der Wagenknecht: stattdessen kommt sie den falschen Linken polit-moralisch, dass die es sich viel zu bequem machen würden mit ihrer veganen Ernährung als Lebensprogramm, weil sie es sich leisten könnten, Niedrigverdiener dagegen nicht: deren Lifestyle-Getue soll nicht ob seines politischen Gehalts kritikabel sein, sondern darüber ethisch verwerflich sein, dass sie sich als Bessergestellte abheben könnten von der lohnarbeitenden Allgemeinheit.